Rezension: Arbeit ist nicht unser Leben – Alix Faßmann

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Was passiert, wenn man kein Geld hat und sich im Cafe trotzdem was bestellt. Alix Faßmann hat es in Italien ausprobiert. Bereit die Zeche zu prellen bekam sie diese von einer Deutschen am Nebentisch spendiert.

Ja, macht man das? Das tut man doch nicht! Unsere üblichen Moralvorstellungen haben dazu eine klare Antwort. Aber erleben viele Menschen nicht tagtäglich solchen Betrug. Angefangen von Billiglöhnen (im Buch wird ein Rechenbeispiel bei 8,50 EUR/Std Lohn, 40 Wochenarbeitsstunden und Steuerklasse 1 gemacht. Unterm Strich bleiben 1.014,95 € (aktueller Betrag, im Buch sind es 1008,83 €)) über Lebensmittelskandale bis Massenproduktionen in China.

Die Frage: Und wenn das jeder tun würde, was würde dann passieren? Liegt wahrscheinlich vielen schon auf der Zunge.

Wir erfahren was passiert ist, wenn wenige die Arbeitsmoral, die Preise, schlussendlich den Kapitalismus in seiner jetzigen Form hinterfragen?

Seite 129: Eingezwängt in ihre Vorstellung von einem guten Leben diktiert der Job (oder der Markt) die Lebensumstände und unterdrückt jeden Impuls, über alternative Lebenskonzepte und neue Formen des Miteinanders nachzudenken

Wir wissen es nicht, können es nicht wissen, wir können es nur ausmalen und davon träumen. Darum finde ich, ist es wichtig die ersten Schritte zu gehen. Ausprobieren, ausloten, selbstbewusster werden, sich zusammenschließen, zusammen Alternativen ausprobieren.

Dieses Buch sind Alix Faßmanns erste Schritte. Sie erzählt ihren Weg. Vielversprechender Job als Jornalistin, der sich als Worthülsen entpuppt. Die Autorin wollte sich die Fähigkeit neue Wege zu bestreiten erhalten und sah als einzige Möglichkeit nicht in Desinteresse und Passivität zu verfallen nur die Kündigung.

Mit einem alten Wohnmobil tuckerte sie nach Süditalien. Das Ergebnis ist dieses Buch und die enthaltenen Erkenntnisse, Aufgaben, Ausprobierereien und Aussagen, die auf den Punkt gebracht werden.

Einige Beispiele:

S. 60 Das Verharren in Frust, Beschwerde und Leid bringt nichts.

S. 90 Ein anderer, kurzzeitig neuer Job hätte das Elend also nur verlagert.

S. 114 Der Verlauf des Krisen-Diskurses ist schlussendlich der Beweis, dass die Moral vernachlässigt werden kann, wenn man genug Systemmacht hat.

S. 143 Wenn die jungen nicht über die Zustände schimpfen dürfen, wer dann? Wie sollte sich etwas verändern?

Ich denke und ich weiß aus meinem Bekanntenkreis, dass viele ihre Meinung in diesen Aussagen wieder finden. Doch was tun, was können wir gegen unsere Ohnmacht gegenüber dieses rießigen Apparates tun?

S. 244 Entscheiden Sie sich nur dafür, eine Wahl zu haben. Selbst dann, wenn sie lautet: „Ich möchte lieber nicht!“

S. 260 Vielleicht liegt die Lösung darin, den Weg im eigenen Tempo zu gehen und nichts erzwingen zu wollen. Lösungen entstehen vielleicht erst, wenn ein Punkt der Unausweichlichkeit erreicht ist.

Für mich ein wichtiges Buch unserer Generation. Das Schreibtempo und der -stil ist auch dem angepasst – schnell, rasant, direkt. Falls man der Generation angehört bzw. sich auch so fühlt, dass eben Arbeit in dieser Form nicht unser Leben ist, der bekommt Anregungen und Denkanstösse. Falls die eigene Meinung eher die ist, dass diese Leute auf hohem Niveau jammern und sich einfach zusammenreißen müssen, dem hilft das Buch hoffentlich etwas „uns“ nachzuvollziehen.

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